Die 90 hat er nicht mehr ganz geschafft. Was macht das schon, bei einem solch langen, vollen Leben?
Über die Hälfte dieses langen Lebens hat er in und mit der Möslestube verbracht, hat seinen Beruf – oder seine Berufung – mit Haut und Haar gelebt; so sehr, dass er sich sogar nachts nach Toresschluss nicht von der geliebten Stube trennen mochte und also dort auch wohnte.
Wieviele Abende mit Marschmusik oder Procol Harum aus der mit D-Mark gefütterten Juke-Box, Currywurst und Hasenwein mit Dreisamwasser habe ich da verbracht?
Vom Gladbach-Fan bis zu Musikhochschülern aus aller Herren Länder, bei Rudi waren sie alle. Und wenn man Rudi glaubt, dann auch Herr Gänswein (sexiest man alive im Vatikan).
Als ich Corinna kennenlernte, war Rudi freitags schon gesetzt. Als wir Kinder bekamen, hatte ich samstags kinderfrei, denn der Freitag mit langer Nacht stand ja im Ehevertrag. Vor Jahren sind wir nach 23h noch weiter in die Stadt gezogen, irgendwann waren wir dazu zu faul und so wurden die Sitzungen am Stammtisch (erstmal die Keile fest hauen) immer länger. Wer wollte (oder es brauchte) bekam von Rudi den begehrten „Ihr-Mann-hat-sich-gut-betragen“-Zettel, mit Stempel und Unterschrift.
An richtig guten Tage gab es einen Schnaps auf’s Haus.
Rudi war ein gefürchteter Witzerzähler, ein Charmebolzen (wenn er wollte) und Kinderfänger (im positiven Sinne), der bei unseren Kindern in guter Erinnerung ist. Petra hat’s mal schön formuliert:
„Unsere Kinder sind doch hier irgendwie alle groß geworden“.
Zum Schluß war’s still geworden, die Möslestube hat Ende Juli ihre Pforten für immer geschlossen und Rudi ist aus seinem Hinterzimmer in einen altersgerechten, betreuten Wohnsitz umgezogen.
Heute ist Rudi dort friedlich eingeschlafen.
Gute Reise.
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